Samstag, 21. Januar 2012

Mit dem Upgrade unzufrieden

... ein Gastartikel von @Blackbuccaneer


Es ist schon paradox: Da feiern wir in Berlin einen Riesenerfolg, Piraten werden vom Wähler ins Abgeordnetenhaus geschickt, und unserer Partei scheint eine glorreiche Zukunft offenzustehen. In Scharen sind die Menschen nach dem 18. September 2011 in die Piratenpartei eingetreten, bringen sich ein, arbeiten mit. Trotzdem gibt es unter vielen, die vorher schon dabei waren, ein gerüttelt Maß an Unzufriedenheit. Woran liegt’s?

Von v1 .0 auf v2.0 …

Werfen wir zunächst einen Blick auf die kurze, aber wechselvolle Geschichte der PIRATEN in Deutschland. 2006 gegründet, war die Piratenpartei bis zur Europawahl 2009 eine Kleinpartei wie viele andere auch. Die Erfolge waren überschaubar, und den 800-900 Mitgliedern fehlte weniger Begeisterung für »ihr« Thema denn Schlagkraft und Manpower. Bezeichnen wir diese »Version« der Piratenpartei der Einfachheit halber einmal als »Piraten 1.0«.

Nach den Europawahlen 2009 und vor allem im Zuge der Zensursula-Debatte konnten wir ein massives Mitgliederwachstum verzeichnen – Mitte 2010 lag der Wert bei 12.000 Piraten. Bei einer Neumitgliederquote von deutlich über 90 Prozent war eine neue Partei entstanden: die »Piraten 2.0«. Eigentlich gar kein Upgrade, sondern eine völlige Neuentwicklung. Wir waren sehr stolz.

In dieser Form agierten wir bis zum Herbst 2012. Es gab den Konflikt zwischen »Kernies« und »Vollies«, infolgedessen einige altgediente Piraten ihren Abschied nahmen. Das wurde zur Kenntnis genommen, auch bedauert, war aber in der Regel eine eher »leise« Angelegenheit. Die Erweiterung der Partei in jeder Hinsicht – programmatisch wie auch zahlenmäßig – wurde als sehr positiv aufgefasst.

… und jetzt auf v3.0

Was nach der Berlinwahl geschah, kann für uns ohne Zweifel als umwälzend bezeichnet werden: Die Leute haben uns auf Deutsch gesagt die Bude eingerannt. Die Piratenpartei ist in den Köpfen der Menschen angekommen. Wir freuen uns über gute Umfragewerte, Präsenz in den Medien und das Gefühl, mit unseren Zielen endlich ernst genommen zu werden. So weit, so gut.

Durch die 8000 »neuen« Piraten, die in den letzten drei Monaten zu uns gefunden haben, hat sich jedoch eine Schwerpunktverlagerung ergeben: Die soziale Komponente spielt heute eine deutlich größere Rolle als noch vor einem halben Jahr, als Bürgerrechte und Netzpolitik unsere alles beherrschenden Themen waren. Die »Piratenpartei 3.0« ist da.

Manifestiert hat sich dies ganz eindeutig im BGE-Beschluss in Offenbings. Während das BGE schon vor Berlin ein heißdiskutiertes Thema bei uns war, sind danach – auch bedingt durch die Schwerpunktlegung im Berliner Wahlkampf – viele zu uns gestoßen, die dafür gesorgt haben, dass es zu einem Markenkern der Piratenpartei geworden ist.

»Das Upgrade skaliert nicht!«

Nun sind viele der »Altpiraten« damit nicht glücklich. Die Härte, mit der um diesen Beschluss gerungen wurde, das extrem knapp erreichte Zweidrittelergebnis, vor allem aber das sehr kontrovers diskutierte Thema als solches haben dazu geführt, dass so mancher Pirat, der sich 2009 mit Begeisterung in dieses neue Projekt gestürzt hat, kurz davor ist, die Segel zu streichen. Einige haben diesen Schritt sogar schon vollzogen und ihre Mitgliedschaft beendet. Als Grund wird hierbei von vielen Betroffenen angeführt, dies sei »nicht mehr meine Partei«, weil sich nach Berlin so viel geändert habe. Das stimmt auch: Eine Partei, bei der der Anteil der Neumitglieder 40 Prozent beträgt, ist selbstverständlich eine andere Partei als vorher.

Was ist geschehen? Wir wussten spätestens, seitdem die Entscheidung für die schrittweise Erweiterung auf ein Vollprogramm gefallen war, dass wir uns den sozialen Fragen, die in Deutschland eine bedeutende Rolle spielen, würden zuwenden müssen. Allerdings waren viele der Ansicht, dass wir die Erweiterung behutsam verfolgen sollten – man wollte nichts überstürzen. Die Prioritäten waren klar gesetzt.

Dann kamen die Neuen. Und sie brachten viel Interesse am Sozialen mit, während so mancher von ihnen mit Netzpolitik und Bürgerrechten weniger anfangen konnte. Ja, es gibt jetzt sogar Piraten, die sich der Problematik, die die Auswüchse der staatlichen Kontrolle – Videoüberwachung etwa oder die Vorratsdatenspeicherung – darstellen, überhaupt nicht bewusst sind. Sie haben nicht ehrfurchtsvoll nachgefragt, ob sie definieren dürften, was Piraten unter Sozialpolitik zu verstehen haben, sondern haben das einfach gemacht. Mitmachpartei eben.

Was der Support sagt

»Können solche Leute Piraten sein? Nee, oder? Die führen sich auf unseren Mailinglisten doch auf wie die Elefanten im sprichwörtlichen Porzellanladen. Die müssen erst mal lernen, wie ›Pirat‹ funktioniert. Und wenn sie es nicht schaffen, sich einzugliedern, dann such ich mir halt eine neue Heimat. Aus die Maus.«

Die 2009er-Piraten müssen jetzt ganz stark sein. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Denn: Die Piratenpartei 2.0 ist dahin. Sie ist – weil Christopher Lauer wie versprochen geliefert hat – Geschichte. Eine veraltete Version, die mit den aktuellen Anforderungen der User an die Piratenpartei Deutschland nicht mehr kompatibel ist. Wahrscheinlich ging es Ende 2009 manchen 1.0-Piraten so wie vielen von uns heute: Sie fühlten sich nicht verstanden. Deswegen verschwanden sie ungesehen von der Bildfläche. Ihr Fehlen wurde nicht bemerkt.

Ich habe selbst gegen das BGE gestimmt, denn ich halte es für unseriös, die Frage der Finanzierbarkeit auch nicht ansatzweise zu beantworten; außerdem ist es IMHO unpiratig, die Beantwortung der Frage extern erledigen lassen zu wollen, statt selbst Lösungen zu entwickeln (was sich allerdings relativiert hat, weil mittlerweile viele Piraten an dem Thema arbeiten). Ich kann auch jeden verstehen, der feststellt, dass die »neue« Piratenpartei nicht seine Partei ist. Es gibt sicherlich eine Schmerzgrenze, bei der man sagt: Das ist nicht mehr meine politische Heimat, ich kann mich mit den Zielen dieser Partei nicht mehr identifizieren. Aber bevor man diesen Schritt macht, sollte man sich eines klarmachen: Jeder, der geht, weil er für ihn wichtige Position innerhalb der Partei nicht ausreichend vertreten sieht, schwächt ebendiese Position in der Partei.

Wenn du – ja, du! – meinst, dass Bürgerrechte oder Netzpolitik in der Piratenpartei 3.0 zu kurz kommen, dann sorge mit deiner Stimme und deinem Einsatz dafür, dass sich dies wieder ändert. Wenn du dich für ein bestimmtes Thema interessierst, dann fülle es mit Inhalten. Wenn dir das BGE (oder sonst ein Thema) so sehr auf den Sack geht, dass du über einen Austritt nachdenkst, dann verurteile nicht diejenigen, die es befürworten (denn in ihrem ganz eigenen Kontext macht es Sinn); entwickle lieber mit anderen gemeinsam alternative Konzepte oder verfolge dein ganz eigenes Projekt. Es gibt genug zu tun!

Und wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein. Gegen das BGE zu sein, ist auch für Piraten ebenso legitim wie umgekehrt. Dann gibt es im sozialpolitischen Bereich eben zwei Flügel. So what! Die Grünen sind vor zwanzig Jahren wunderbar mit Realos und Fundis zurechtgekommen. Und die standen uns hinsichtlich einer miesen Streitkultur damals in nichts nach.

Wenn du schließlich der Ansicht bist, dass die »Neuen« keinen blassen Schimmer haben, wie die Dinge bei uns funktionieren: Nimm sie bei der Hand und zeige ihnen, wie Piraten arbeiten. Erkläre unsere Grundsätze, unsere Tools, unsere Kultur. Wie sollen sie es denn sonst lernen, wenn nicht durch uns? Neupiraten sind keine Schwachköpfe, nur weil sie nicht wissen, wie es bei uns läuft; Schwachköpfe sind IMHO diejenigen, die darüber abhetzen.

Jeder von uns kennt diese Software-User, die sagen: »Das haben wir immer so gemacht, das machen wir jetzt auch weiter so.« Solche User werden bei Upgrades eine Vielzahl neuer Funktionen verpassen und über kurz oder lang mit ihrer Anwendung nicht mehr zurecht kommen. Mit Upgrades muss man sich auseinandersetzen – auch bei uns. Denn seien wir doch mal ehrlich: Es gibt sie natürlich immer noch, die Menschen, die MS Office 2000 unter Windows ME nutzen und mit dem IE6 ins Web gehen, weil sie sich aktueller Software aus Bequemlichkeit oder Überforderung verweigern. Das funktioniert auch irgendwie. Aber Spaß und Effizienz gehen anders.

Kommentare:

Heiko hat gesagt…

"denn in ihrem ganz eigenen Kontext macht es Sinn" dieser schlüssige Kontext würde mich ja mal interessieren. Denn ich finde keinen. Eine Lösung die darin besteht, dass eine Lösung gefunden werden soll, ist keine Lösung. Oder anders: Das Ziel ist klar und ist Konsens unter den Piraten: ReSeT. Das Mittel zur Erreichung dieses Zieles soll das BGE sein - also die Antwort auf die Frage nach dem Wie. Wenn das Wie aber die Suche nach dem Wie sein soll, ist das so eine Katze die sich um sich selber drehend in den Schwanz beißt. So kennen ich es von der etablierten Politik und dachte Piraten woll(t)en es anders machen. Aber vielleicht sind Piraten3.0 nur ein von der etablierten Politik Raubmordkopiertes Konzept ;-)

Dieter Szegedi hat gesagt…

1+ Ich würde gerne noch einen Aspekt hinzufügen: Ich bin ein 3.0 Pirat der sich mit der 2.0 Partei beschäftigt hat und (nach Berlin) in diese eingetreten ist. Du beschreibst die Spannungen auf dem Weg von 1.0 nach 2.0, die dafür gesorgt haben, dass manche Alt-Piraten gegangen sind. Das war auch das Zeichen einer gewissen "Identitätskrise", die aber (wegen der Kürze der Zeit?) nie aufgearbeitet wurde. 
Als Neu-Pirat bin ich auf eine Situation gestoßen, wo niemand wirklich über den "Markenkern" der Piraten reden wollte. Lauter gebrannte Kinder, die den noch viel zu frischen "Konflikt" nicht aufwärmen wollten. Schließlich gab es dazu auch bei den 2.0 Piraten keinen echten (geschweige denn formulierten) Konsens. Und nun kommt die nächste Welle. Die Wenigsten wollen 'ihre eigenen abstrusen Ideen' verwirklichen, die meisten sind motiviert und wollen sich integrieren. Fast jede Frage wird aber reflexartig mit: "Dazu haben wir noch nichts. Mach selber!" beantwortet. Auch die Frage: "Was macht uns aus?" Jetzt haben wir den Salat! Aber wenn wir wirklich Basisdemokratie eine Chance geben wollen, müssen wir darauf Vertrauen, dass die 'Community', das Netz, die Schwarm-Intelligenz, kurz die Basis das Kind schon schaukelt. Und dabei kommt es auf uns ALLE an.

Thewub65 hat gesagt…

"weil Christopher Lauer wie versprochen geliefert hat"
Was genau hat Lauer getan?
Hat er den Wahlkampf organisiert? NEIN
War er Spitzenkandidat? Nein, die Basis wollte ihn nicht
Hat er mehr getan als die Tausende andere Piraten? NEIN!

Also was hat Lauer für das Resultat besonders getan? Nicht mehr und nicht weniger als alle andere. Vielleicht etwas weniger als die, die den Wahlkampfentwickelt haben.

Hör' auf, ihn zum Heiligen zu machen.

Klischeepunk hat gesagt…

Im großen und ganzen Stimme ich dir ja zu, aber du Sprichst von 40% Neumitglieder. Hätte den Version 2.0 Piraten die neue Orientierung (die ich übrigens so nicht sehe) der Version 3.0 Piraten in der großen Mehrheit nicht gefallen - nun sie machen immer noch 60% aus. Zum Parteitag in Offenbings war jeder eingeladen mitzumachen und mitzuentscheiden. Es mag vielleicht eine Fokusierung auf bestimmte Themen gegeben haben, die ich auch für fraglich halte und zum BGE Beschluß an sich sag ich mal nichts (der denkbar schlechteste der zur Wahl stand) aber an sich konnte alle verhindert werden. Auch wenn das nach wie vor viele Piraten nicht wahr haben wollen: Dieser Kurs ist nichts neues, sondern eine Fortsetzung des alten. Auch die soziale Komponente ist nicht neu, sondern eine logische Konsequenz aus bestehenden Programmpunkten und alten Forderungen. 

Ich selbst sehe auch mit bedauern wie wir uns immer weiter von Kernthemen abwenden, die ich für Notwendig und noch lange nicht erreicht oder auch nur in die Nähe gerückt halte. Das BGE ist für mich bspw. nur eine Randnotiz auf dem Weg zu vernünftiger Politik, viel wichtiger ist für mich persönlich die Frage nach #0zapftis, nach Überwachungsgesellschft, nach Terrorhysterie, nach Wahlrecht für Ausländer (die hier Wohnen), nach "Cyber Crime Kompetenzzentren" etc. aber das ist eine Gewichtung kein Ausschluss anderer Themen. 

Wie die Beschlüsse klar gezeigt haben, gibt es eine breite Unterstützung für die Themen und "ein knapper 2/3 Beschluss" ist gar nicht so knapp wie es klingt. Es sind erstmal 2/3 und danach wird es knapp. 

Schade ist es erstmal wenn sich jemand aus diesem Grund abwendet, aber wie "piratig" es ist, zuerst Mitbestimmung zu rufen und dann "aber nur wenn das richtige bestimmt wird" zu sagen, lass ich einfach mal so im Raum stehen. 

Sleeksorrow hat gesagt…

Prozentzahlen sind eine diffizile Sache. Wenn wir 40% Neumitglieder haben, dann heißt das nicht unbedingt - wie die Mathematik impliziert - daß sie keine Mehrheit erreichen. Die 40% sind neu, frisch, motiviert und teils (egal ob man das negativ oder positiv sieht) ideologisiert. Oder kurz gesagt: Extrem aktiv.

Das kann man nicht mal von der Hälfte der restlichen 60% 2.0 Piraten sagen. Daher können die 40% im Grunde tun, was sie wollen. Ob das, was sie wollen und tun, negativ oder positiv ist, lasse ich an dieser Stelle auch bewußt offen.

Klischeepunk hat gesagt…

Ist natürlich richtig, aber zu sagen "das ist doof" weil die alten den Arsch nicht hoch kriegen... stehen wir nun für Beteiligung oder nicht? Wer nicht teilnimmt muss damit leben, dass ohne ihn entschieden wird, über seinen Kopf hinweg oder wie auch immer. Punkt war nur: Wenn eine große Unzufriedenheit mit dem Kurs herrscht - er hätte jederzeit gestoppt werden können. Sind wir nicht letzendlich so entstanden? Und wenn's nicht mal mehr das "Das passt mir nicht" Wert ist aufzustehen.... was zum Teufel dann? Worum geht's dann den alten eigentlich? Darum auch mal gebrummt zu haben? Big Deal. 

Sleeksorrow hat gesagt…

Du scheinst anzunehmen, daß es neben den aktiven unzufriedenen 2.0 Piraten nur welche gibt, die die Änderungen sehen, sie nicht wollen, aber dennoch nicht aufstehen.

Dem widerspreche ich vehement. Unter diesen aktiven Piraten sind sowohl einige, die die neuen Änderungen begrüßen, als auch sehr viele inaktive und uninteressierte Mitglieder, die nicht mal mitbekommen, daß sich etwas ändert und es ihnen auch egal ist, ob sich was ändert und was das bedeutet. Sie vertrauen halt darauf, daß die Aktiven es schon richtig machen. Das ist eine legitime Sichtweise.

Wenn alle aktiven 2.0 Piraten, denen der neue Kurs nicht gefällt, sich - utopischerweise - komplett einig wären und alle geschlossen gegen die Änderungen stimmen würden, würden bei weitem nicht mehr als 40% zusammenkommen, und daher keine Mehrheit gegenüber den Neumitgliedern bestehen.

Ergo: Es gibt für die 2.0 Piraten keine Möglichkeit, den Kurs aktiv durch Stimmrecht zu beeinflussen. Das hat nichts damit zu tun, den Arsch nicht hoch zu bekommen. Und genau deshalb schreibt Krisch hier: Es muß durch Integration entstehen. Es muß dadurch entstehen, daß die Kernthemen den Neumitgliedern näher gebracht werden müssen, sie müssen an der Hand genommen werden und in die bestehenden Strukturen integriert werden, die Abläufe und Vorgehensweisen gezeigt bekommen. Das ist der Weg, wie die Kernthemen am Leben erhalten werden können. Und ein Austritt ist dabei natürlich absolut kontraproduktiv.

Doktor Krischken hat gesagt…

Ich hätte statt "Kontext" vielleicht besser "Background" verwenden sollen, denn das ist gemeint. Ich lehne auch die Idee(!) des Grundeinkommens ja gar nicht ab; nach meiner Philosphie muss der Mensch nicht arbeiten, um glücklich zu sein, er muss in seinem Leben lediglich einen Sinn sehen. Eine Entkopplung von Arbeit und Einkommen halte ich grundsätzlich für begrüßenswert. Warum ich trotzdem dagegen gestimmt habe, habe ich oben skizziert.

Allerdings möchte ich das BGE in meinem Post in erster Linie als (naheliegendes) Beispiel für einen Sachverhalt betrachtet wissen, der große Gruppen innerhalb der Piraten trennt. Es ist Ursache für eine Lähmung bei den "Altpiraten", und diese Lähmung tut uns nicht gut.

Sleeksorrow hat gesagt…

Ich finde, das sind ein paar sehr interessante Gedanken. Und so falsch finde ich die 2.0 Antwort "Haben wir nicht, mach es einfach" nach wie vor nicht. Ich finde nur, es fehlt ein Schritt, nämlich die Frage: "Brauchen wir das jetzt schon?" Natürlich wird der Neupirat, der nach dem Thema gefragt hat, sagen "Ja natürlich!". Und wir haben bisher keinen sinnvollen Weg, die Schwarmintelligenz zu nutzen, um Prioritäten festzulegen. So macht jeder zehnte Neupirat eine neue Front auf, und die Partei wird zwischen den hunderten neuen Fronten zerrieben, der Fokus geht verloren, es besteht die Gefahr von Chaos und Handlungsunfähigkeit.

Ich denke, hier müßte ein neu zu entwickelnder Mechanismus eingeführt werden, um die Motivation und das Engagement zu bündeln und sinnvoll zu nutzen, ohne daß der Mitmachfaktor zu sehr eingeschränkt wird.

Doktor Krischken hat gesagt…

Der letzte Satz ist wichtig und richtig - genau das wollte ich mit meinem Post ausdrücken. Allerdings gibt es mit Bürgerrechten und Transparenz in der Politik durchaus Markenkerne, auf den sich die Piraten 1.0 und 2.0 geeinigt hatten. Viele 1.0er-Piraten, die vielfach Kernies waren, waren eher mit dem Anstreben eines Vollprogramms unzufrieden und sind deswegen gegangen.

Auch gibt es durchaus eine "Piratenidentität". Genau das ist ja auch das Problem vieler Altpiraten: dass diese Identität von vielen "Neuen" nicht wahrgenommen oder bewusst ignoriert (lies: für weniger wichtig erachtet) wird. Deswegen ist es wichtig, dass beide Seiten sich öffnen: Die Altpiraten müssen bereit sein, den Neuen zuzuhören und sie erforderlichenfalls an die Hand zu nehmen (und das muss ohne Überheblichkeit geschehen), die Neuen müssen die bestehende Piratenidentität zumindest wahrnehmen und überlegen, ob sie sie sich nicht zu eigen machen sollten. Wir müssen zurück zum Miteinander.

Doktor Krischken hat gesagt…

Ich sehe Lauers Arbeit durchaus zwiespältig: Seine Auftritte im AGH und in den Medien finde ich hervorragend, sein Auftreten innerhalb der Partei häufig mindestens grenzwertig. Aber darum ging's gar nicht – es war lediglich eine Formulierung. Als ausgewiesener "Nerzler" hätte ich einen BVor Lauer ohnehin problematisch gefunden.

Doktor Krischken hat gesagt…

Dazu ergänzend möchte ich noch anmerken, dass der Anteil der Piraten,
für die soziale Aspekte eine wichtige Rolle spielen, zwar durch die
Neuzugänge wohl überproportional angestiegen ist, dass es aber trotzdem
immer schon Piraten gab, für die das Soziale wichtig war. Das BGE wurde
bereits seit 2009 in der Partei diskutiert - es ist jetzt nicht aus
heiterem Himmel über uns gekommen. Außerdem kenne ich mehrere Fälle, in
denen die Beschlüsse in #Offenbings zu einem Wiedereintritt geführt haben.

SD hat gesagt…

Dass unsere Ziele nicht mehr 100% Deckungsgleich mit den meinen sind, ist ärgerlich, aber war früher oder später unvermeidlich.

Viel mehr stört mich allerdings, dass die Methoden nicht die meinen sind. Wir schreiben uns eine Worthülse ins Programm, sagen null dazu, wie das gehen soll, und haben dann auch noch die Chuzpe dazu zu schreiben, dass wir auch nicht gedenken das irgendwie mit Inhalt zu füllen. Und das auch noch zu einem Thema, das unvermeidbar ein Hauptthema des Wahlkampfs werden wird. Wir werden dafür in der Luft zerrissen werden und alles was ich dazu sagen können werde ist "Jo, stimmt, ist unfug. Aber wählt uns bitte trotzdem!". Na geil. Da steh ich total drauf... m(

Und das ganze auf die Neumitglieder zu schieben, trifft es jawohl auch nicht so wirklich. Man bekommt keine 67% auf dem BPT mit einem Schwung gerade erst im Eintreten begriffenen Neumitgliedern. Es sind reihenweise Leute, die schon lange bei uns sind, und die in vielen Fällen eigentlich auch sehr klug und vernünftig sind, die uns das eingebrockt haben. :/ Das ist das, was mir die WTFs in den Kopf treibt.

Im Endeffekt stellt sich das ganze "Wir sagen nur was zu Dingen, von denen wir auch Ahnung haben"-Ding als schlichte Notlüge, um das dünne Programm aus dieser Zeit zu rechtfertigen, heraus. _Das_ ist das, was mich frustet.

Klischeepunk hat gesagt…

Nein, das nehme ich nicht an und ja ich stimme dir im kompletten Umfang zumindest der Analyse zu. 
Neben "Neupiraten" V3.0 Piraten oder whatev an die Hand nehmen, heisst das aber auch V1.0 oder V2.0 Piraten an die Hand nehmen. Integration ist ein Prozess von beiden Seiten.
Wenn alle 2.0 Piraten denen der Kurs nicht gefällt weniger sind als die die den Kurs wollen oder ihn zumindest in Kauf nehmen... nunja, bad luck, das ist die Gefahr von Mehrheitsentscheidungen. 

Ich wollte keineswegs allen unterstellen den Arsch nicht hochzukriegen, aber ich Unterstelle vielen Meckerern den Arsch nicht hochzukriegen. Anders: Am BPT hätten sie den Kurs verhindern oder ändern können. Nun ist es zu spät dafür. 

Heiko hat gesagt…

Mir ging es in dem Beispiel auch eher um eine Verdeutlichung eines Prinzips, welches einigen Leuten Probleme bereitet. Vielleicht solltes Du meine Beiträge ausformulieren, Du bist da besser als ich ;-)

Ich kann mich für Konzepte begeistern die schlüssig sind und kritisch-analytischen Nachfragen entweder standhalten oder sie werden überarbeitet. Wenn Überarbeiten kein funktionierendes Konzept bringt, muss mans halt irgendwann verwerfen um ein neues auszuarbeiten. Natürlich müssen für mich dann noch die Ziele stimmen die mit einer Maßnahme erreicht werden sollen. Das nenne ich dann konstruktiv, sachorientiert und logisch - wenn das Ziel noch passt, finde ich es sogar gut :-)

Dazu ist ein konstruktiver, alle schlauer machender, Diskurs toll. Das hat auch bei den Piraten noch nie so wirklich gut funktioniert, aber seit der LQFB-Streiterei und spätestens seit dem BGE-Beschluss und der nachfolgenden Auseinandersetzung ist mir klar, dass es nicht um einen alle schlauer machenden Diskurs für wirklich funktionierende Lösungen geht, sondern ums Gewinnen. Alle Einwände werden von $Idee-Befürwortern einfach weggeschimpft und es gibt sogar meist breiten Beifall dafür. Das demotiviert nicht nur mich, sondern auch einige andere Piraten, die es vermissen an Lösungen kreativ-kontstruktiv zu arbeiten, die auch eine Chance bei den Piraten haben sollen.

Bei LQFB und BGE z.B. werden Mittel zu Zielen erklärt und die Realität so lange umgedeutet (alle Piraten sind Politiker etc.) bis die wackeligen Ideen irgendwie zu klappen scheinen werden ;) – wenn man es einfach nur tun würde und die Kritiker nur endlich ihre Klappe halten würden.

Vielleicht irre ich mich diesbezüglich, aber nach vielen Versuchen scheint es mir, dass Symbolpolitik mit starken Marken auch bei Piraten überezugender ist als die harte Arbeit an echten robusten Lösungen. Und damit bin ich nicht alleine.

Klischeepunk hat gesagt…

hervorragende Antwort. Ganz meine Meinung. 

Kommentar veröffentlichen